Entfremdung
 

Fehlannahmen und Irrtümer

Ende 2025 ist ein Artikel erschienen, der sich auf Missverständnisse und Irrtümer bzgl. der Depersonalisations-/Derealisationsstörung bezieht. Solche Fehlannahmen sind auf Seiten der Betroffenen ebenso zu finden wie auf Seiten von Fachleuten.


Einige dieser Fehleinschätzungen halten sich bereits über Jahre und werden im Social Media Bereich  wiederholt und weiterverbreitet. Andere sind hingegen auf fehlendes Interesse (zu wenig Forschung, keine Forschungsgelder für Projekte etc.), einseitige Aufklärung, zu wenig (Forschungs-) Literatur, Fokussierung auf einige wenige Autor:innen etc., zurückzuführen.


Der Artikel wurde in Großbritannien geschrieben und wie an anderer Stelle bereits erwähnt, liegt der dortige therapeutische Schwerpunkt eher auf der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT/CBT). Viele der Aussagen lassen sich jedoch auch auf die deutschsprachigen Länder übertragen, weshalb wir hier eine kurze Zusammenfassung geben.


Die Autor:innen beschreiben, dass Symptome nicht ausreichend erkannt werden, sowie dass das eigene Vertrauen von Fachleuten in die therapeutische Arbeit mit dieser Betroffenengruppe gering ist, was wiederum dazu führt, dass KVT/CBT Interventionen kaum bei der Behandlung Berücksichtigung finden und KVT/CBT eher in der Forschungsgruppe und Forschungsliteratur um Elaine Hunter zu finden ist.
Obwohl die Symptomatik klar und eindeutig definiert ist, stellen die Symptome medizinische und psychologische Fachpersonen immer noch vor Herausforderungen, da sie diese oftmals falsch einschätzen (z.B. als psychotisch fehldiagnostizieren, als Drogenpsychose fehldiagnostizieren oder „nur“ als Symptome einer anderen Störung (Angststörung, Depression) ansehen etc.).
Wenn Fachpersonen nicht mit der Depersonalisations-/Derealisationsstörung vertraut sind, tendieren sie dazu andere ihnen „bekannte“ Erklärungen zu nutzen (z.B. „wenn der Stress vorbei ist legt sich das wieder“, das seien alles Traumasymptome und suchen nach möglichen traumatischen Ereignissen, obwohl oftmals keine vorhanden sind, aber gleichzeitig werden vorhandene mögliche frühe Bindungstraumatisierungen übersehen etc.).


Betroffene wurden im englischen Gesundheitssystem abgewiesen, weil ihre Problematik zu komplex sei, es keine spezialisierten Einrichtungen in ihrem lokalen Einzugsgebiet geben würde etc.. Es gibt im englischsprachigen Bereich bis heute keine Leitlinie an der sich Fachpersonen orientieren können, was aber im Grunde nicht unbedingt viel heißt, denn in Deutschland gab es eine entsprechende Leitlinie, diese war aber kaum bekannt und viele im Gesundheitssystem Arbeitende im deutschsprachigen Raum haben nach wie vor noch kein ausreichendes Wissen über die Depersonalisations-/Derealisationsstörung.


Auf Seite der Betroffenen findet sich wiederum häufig eine Angst sich nicht richtig ausdrücken zu können, die Symptome nicht richtig beschreiben zu können oder eine Angst für „verrückt“ erklärt zu werden, wenn sie ihre Problematik darlegen. Leider kann all das ebefalls zur Fehldiagnostik und falschen Behandlung beitragen.


Die Autor:innen beschreiben zehn Irrtümer bzgl. der Depersonalisations-/Derealisations-Symptomatik, von denen wir bereits einige auf dieser Webseite adressiert haben.

1. Depersonalisation und Derealisation sind selten.

Diese Aussage ist falsch. Die Symptome sowie die Störung sind weltweit gesehen nicht selten. Belege finden sich dazu durchgängig in der Forschungsliteratur. Was hingegen selten ist, ist die Stellung der Diagnose (d.h. die Symptome zu erkennen und die Fähigkeit als Fachperson eine korrekte Diagnose diesbezüglich zu stellen, das ist immer noch zu selten).

2. Depersonalisation und Derealisation sind komplex und pathologisch.

Diese Aussage ist differenzierter zu betrachten. Depersonalisation und Derealisation sind nicht per se pathologisch. Die meisten kennen die Phänomene von sich selbst (insbesondere während der Pandemiezeit, z.B. "neben sich zu stehen", "sich außerhalb der Welt zu fühlen und nicht mittendrin", die Umwelt verzerrt wahrzunehmen etc.), sie kennen nur nicht die Begriffe.

3. Depersonalisation und Derealisation sind immer Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Diese Aussage ist in ihrer Absolutheit falsch.

Wir werden an anderer Stelle noch ausführlicher auf mögliche Verbindungen eingehen.

4. Depersonalisation und Derealisation sind statisch und unveränderbar.

Auch diese Aussage muss differenzierter betrachtet werden. Wie bereits erwähnt, treten bei einem Teil der Betroffenen die Symptome in Episoden auf und sind dementsprechend weder statisch noch unveränderbar.

Therapeutische Fehlannahmen

Hier gibt es erneut die Unterscheidung zwischen den deutschsprachigen Ländern, wo Matthias Michal derzeit auf einer IS-TDP gestützten Fortbildung fokussiert und in Großbritannien, auf das sich der Artikel bezieht, mit einer KVT/CBT Weiterbildung.

5. Es gibt keinen empirischen Nachweis, dass KVT/CBT zur Behandlung der Depersonalisations-/Derealisationssstörung effektiv sei.

In der bereits erwähnten Therapie Studie von Hunter (2023) konnten Verbesserungen bei Betroffenen erreicht werden. Doch es stimmt tatsächlich, dass es nach wie vor viel zu wenig qualitativ wertvolle und aussagekräftige Therapie-Studien gibt, aber dieser fehlende empirische Nachweis betrifft leider alle Behandlungsmethoden.


Wir werden weitere Fehlannahmen aus dem Artikel zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer beschreiben.

Unser Team unterstützt jedoch weitere junge Forschende, die einen interdisziplinären Ansatz zur Behandlung verfolgen möchten, sich mit uns in Verbindung zu setzen.


Literatur:

Hallet, C. et al. (2025). Ten misconceptions: CBT for depersonalisation and derealisation

Hinweis: der Artikel ist open access, d.h. er ist für alle zugänglich, ohne Kosten.